Regal 8
Die 1996 von Christoph Lebies gegründete
Zeitschrift für Larmoyanz stand 2001 vor ihrem Ende als sich dieser mit seinen Schülern, Freunden und Literaturkollegen, überwarf und Hals über Kopf das Land verließ. Trotz des Verschwindens unseres Spiritus Rectus führten wir die Herausgabe der
Zeitschrift für Larmoyanz gewissenhaft weiter. Im Herbst 2003 erreichte uns ein Brief Christoph Lebies’, in dem er uns aufforderte, die Herausgabe der
Zeitschrift für Larmoyanz unverzüglich einzustellen. Sollten wir dieser Aufforderung nicht nachkommen, würde er ein gerichtliches Verfahren gegen uns anstrengen. Im Sommer 2005 wurde Lebies schließlich Recht gegeben und das Ende der
Zeitschrift für Larmoyanz war besiegelt. Daraufhin entschieden wir uns, die Zeitschrift unter veränderten Namen im Internet weiterzuführen. Wir setzten Lebies schriftlich darüber in Kenntnis, dass wir die
Zeitschrift für Larmoyanz im Internet als
Internationale Zeitschrift für Larmoyanz weiterführen würden. Lebies zögerte nicht einen Moment und strengte ein weiteres gerichtliches Verfahren gegen uns an, in dem das Landgericht Dortmund am 25 Oktober 2007 entschied, dass die
Internationale Zeitschrift für Larmoyanz nicht den Begriff Larmoyanz im Titel tragen dürfe. Nach diesem erneuten Rückschlag entschied sich Christoph Lebies, wie wir glauben, uns zu entgegenzukommen.
Am 11 November 2007 erreichte uns während einer Redaktionssitzung ein Anruf von ihm aus Mexiko-Stadt. Die Verbindung war jedoch außerordentlich schlecht. Da Lebies bekanntlich Schweizer ist, führte Theo Bald Schadee, ebenfalls Eidgenosse, das Telefonat mit ihm (
hier können Sie sich einen Mitschnitt des besagten Telefonats anhören). Lebies äußerte sich zufrieden über das gewonnene Gerichtsverfahren und spöttelte eine Weile vor sich hin. Dann fragte ihn Theo Bald Schadee, wie man denn die Zeitschrift nun nennen solle. Lebies, so glaubten wir, antwortete: Regal 8.
Noch am selben Abend entschied die Redaktion einstimmig, den Vorschlag von Lebies anzunehmen und die
IZL in
Regal 8 (r8) umzubenennen. Als wir die dritte Ausgabe Anfang 2008 unter dem neuen Namen
Regal 8 herausbrachten, dauerte es nicht lange und ein an Spott und Hohn nicht mangelndes Schreiben von Lebies erreichte uns. In diesem stellte er klar, dass er auf die Frage, wie denn die
IZL umzubenennen, er keineswegs
Regal 8 vorgeschlagen habe, sondern auf gut Schweizerdeutsch gesagt habe: „Daas isch mier hure egal! Aber macht schnäll!“ Zu Hochdeutsch: „Das ist mir scheiß egal! Aber macht schnell!“
Leider war die Leitung an eben jenen Stellen so verzehrt, dass bei uns in Heidelberg nur Regal 8 ankam. In einer sofort einberufenen Redaktionssitzung entscheiden wir alsdann einstimmig, dass alles gut ist: Lebies hat seinen Spott und wir unseren Namen.
Schadee verabschiedete sich an diesem Abend mit den Worten: „Schön, dass sich nun endlich alles verklärt hat.“
[Lediglich Haberland hatte das Telefonat und die Stunden danach ein wenig anders erlebt. Er schildert es foldendermaßen]:
Theo Bald Schadee, unser Philanthrop oder wohl eher Nichts-Wirklich-Übelnehmer, erklärte sich, nach einigen recht ausfälligen und doch ernsthaft primitiv zu nennenden Bemerkungen Haberlands über unseren ehemaligen Freund Lebies, schnell bereit, das Telefonat weiter zu führen. Die kleine Praktikantin hielt den Hörer während der Ausfälle von Haberland derart verstört in der Hand, dass sich sogar dieser selbst um ein Haar bereit erklärt hätte, das Telefont anzunehmen - nur um diesem Süßen Ding einen Gefallen zu tun. Besser dann doch Bald Schadee am Telefon.
Die Verbindung nach Mexiko war äußerst schlecht und so verstand man wenig von Lebies. Bis heute wissen wir daher nicht genau, weshalb er eigentlich anrief. Bald Schadee vermutet aber, dass sich Lebies zunächst zufrieden über das gewonnene Gerichtsverfahren äußerte und eine Weile vor sich hin spöttelte. Da Bald Schadee in der Tat eine Person ist, an der zuvor begangene Unfreundlichkeiten abperlen wie Fett an Teflon - Haberland nennt ihn daher in Anspielung an Ferdinand Pi?ch ab und an auch den »TeflonSchadee« - entschied sich dieser - wenn auch mit einem Lächeln auf den Lippen - Lebies nach einem neuen Namen für die richterlich vernichtete Zeitschrift zu fragen. Angesichts dieser Mischung aus Freundlichkeit, Naivität und Ironie fluchte Haberland übelst in sich hinein, diesem »hundsgemeinen Drecksbastart« noch die Möglichkeit zu geben, uns erneut auflaufen zu lassen.
»Was hat die Drecksau gesagt?« schleuderte Haberland Schadee gereizt entgegen, als dieser das Telefonat aufgrund einer Störung beendet hatte. Wissen wollte er es dann doch.
»Keine Ahnung. Ich glaube 'Regal 8".
»Regal 8???«
»Ich glaube ja.«
»Hmm. Was soll denn der Mist?«
»Ich find's gar nicht so schlecht...«
»Typisch.«
Die darauffolgende Redaktionssitzung dauert lange und es wäre im Interesse unserer Leser, ihr Protokoll - nach einigen Streichungen, die vor allem Haberland betreffen - zu veröffentlichen, denn am Ende stimmte sogar dieser zu.
Doch stellte sich folgendes heraus: in einem, vor allem rechtliches betreffenden Emailkontakt erläuterte Lebies später, dass er die Frage nach einem neuen Titel zwar akustisch durchaus verstanden habe, seine Antwort aber in keinem Fall »Regal Nr. 8« gewesen sei. Vielmehr habe er lachend gerufen:
»Daas isch mier hure egal! Aber macht schnaell!«
Die Postkarten waren bereits gedruckt.
Internationale Zeitschrift für Larmoyanz (IZL)
Die
IZL tritt das Erbe der
Zeitschrift für Larmoyanz an. Diese entstand 1996 im Zusammenhang der von Christoph Lebies initiierten Bewegung der 'Systematischen Larmoyanz'. Lebies war der geistige Vater und Chef-Redakteur der
Zeitschrift für Larmoyanz. Die Zeitschrift erschien als Print-Ausgabe in überschaubarer Auflage im deutschsprachigen Raum und veröffentlichte zum einen zeitgenössische Lyrik und Prosa sowie die wissenschaftlichen Texte der Systematischen Larmoyanz Christoph Lebies’. 2001 kam es zum Bruch: Lebies überwarf sich nicht nur mit seinen Schülern, Freunden und Literaturkollegen, sondern brach auch mit seiner ganzen bisherigen geistigen Arbeit, mit seinem Werk, und letztendlich mit sich selbst. Er vernichtete die Dokumente und Aufzeichnungen, die er in seine Finger bekam und verließ Hals über Kopf das Land. Er blieb untergetaucht.
Wir, seine ehemaligen Schüler, Freunde und Literaturkollegen führten die
Zeitschrift für Larmoyanz gewissenhaft weiter. Im Herbst 2003 erreichte uns ein Brief Christoph Lebies, in dem er uns aufforderte, die Herausgabe der
Zeitschrift für Larmoyanz unverzüglich einzustellen. Sollten wir dieser Aufforderung nicht nachkommen, so Lebies, würde er ein gerichtliches Verfahren gegen uns anstrengen. Seitdem wissen wir, dass Lebies am Fuße des Popocatepetl in Mexiko lebt. Da wir mit der Herausgabe fort fuhren, begann Lebies damit, von Mexiko aus gerichtlich gegen die
Zeitschrift für Larmoyanz vorzugehen. Im Sommer 2005 wurde Lebies schließlich Recht gegeben und das Ende der
Zeitschrift für Larmoyanz war besiegelt.
Da wir jedoch weiterhin und im Gegensatz zu diesem von der Bedeutung seiner Arbeit überzeugt sind, entschieden wir uns, die Zeitschrift unter veränderten Namen im Internet weiterzuführen. Wir setzten Lebies schriftlich darüber in Kenntnis, dass wir die
Zeitschrift für Larmoyanz im Internet als
Internationale Zeitschrift für Larmoyanz weiterführen, um sein Werk am Leben zu erhalten, sowie zeitgenössische Lyrik, Prosa und Kunst zu veröffentlichen. Lebies zögerte nicht einen Moment, ein weiteres gerichtliches Verfahren gegen uns anzustrengen. Aufgrund der unübersichtlichen Rechtslage hinsichtlich Veröffentlichungen im Internet, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Prozess über Jahre hin ziehen wird. Bis das Ergebnis des Verfahrens vorliegt, wird die
Internationale Zeitschrift für Larmoyanz weiterhin und regelmäßig erscheinen. Eine erfreuliche Entwicklung ist es, dass es mittlerweile einen Briefkontakt zwischen einem unserer Autoren und Christoph Lebies gibt. Zwar stellt dieser Briefkontakt einerseits ein Zeugnis der Differenzen zwischen uns und Lebies dar, er verdeutlich andererseits jedoch auch, dass die Möglichkeit der Kommunikation noch immer besteht.
Die systematische Grundlage des Ansatzes von Christoph Lebies findet sich in einer Notiz aus dem Jahre 1989, in dem dieser die folgende operative Definition des Larmoyanz-Begriffs gibt:
„Larmoyanz im literarischen Sinne meint doch letztendlich immer jene Motivation zur lyrischen, ja künstlerischen Produktion, die durch Schmerz gezeichnet ist, und sich bei genauerem Hinsehen außerdem als ausschließliche erweist.“
In den Jahren 1996 bis 2003 vertrat Lebies die Ansicht, dass sich seine operative These zur Larmoyanz gleichsam als Definition verstehen lässt.
Der Larmoyanz-Begriff, der der
IZL zugrunde liegt, beruht auf demjenigen von Christoph Lebies, verzichtet aber auf dessen starke These:
„Larmoyanz im literarischen Sinne meint doch letztendlich immer jenen Teil der Motivation zur lyrischen, ja zur künstlerischen Produktion, der durch Schmerz gezeichnet ist.“